In vielen Ländern Europas, inzwischen auch im Süden und Osten, ist es nicht immer einfach, seine Enduro legal zu bewegen. Da ist auch Polen keine Ausnahme. Es gibt zwar viele naturbelassene Wege, die offizielle Straßen sind, aber in den Wäldern ist das Fahren untersagt und wird von der Forstbehörde kontrolliert. Und Waldfläche gibt es in Polen eine ganze Menge: Nahezu 40 % der Fläche Westpommerns ist Waldgebiet, dazu jede Menge Seen und Flüsse.

Inhaltsverzeichnis
Warum ein Guide in Polen Sinn macht
Da erscheint es ratsam, sich einen professionellen Guide in Polen zu suchen, um diese Hürde gleich im Vorfeld zu nehmen. Dazu kommt die Sprachbarriere, denn weder mein Bruder Christian noch ich können mehr als fünf Worte Polnisch, auch wenn inzwischen durch den steigenden Tourismus nicht nur die junge Bevölkerung Polens teils gut Englisch spricht. Es gibt reichlich Anbieter, die Touren in Polen anbieten, doch meist sind diese in den südlichen, gebirgsreicheren Regionen zu finden.
Meer statt Gebirge
Uns aber zieht es ans Meer, in die Wälder und Felder – mehr Urlaub mit Kick als permanente Hardenduro-Aktion. Jochen Ehlers von Endurofun Tours hat hier eine Nische belegt, bereits vor Jahren abwechslungsreiche Routen für Könner bis Einsteiger erkundet, diese mit den Behörden abgesprochen und bietet sie seitdem erfolgreich auch für ATVs an.




Ankunft: Hitze, Schatten und Vorfreude
Es ist Sommer 2022 und es ist heiß, kaum ein Tag unter 34 Grad – und dies soll so bleiben. Die Fahrt im schwarzen Van, die beiden Hondas CRF 250 L hinten drin, mit kaum funktionierender Klimaanlage, ist kein Vergnügen. Obwohl die neue Autobahn parallel zur Küstenlinie Polens bis auf die Höhe unseres Zielortes fast fertig ist. Als wir abfahren, durchfährt einen ein Seufzer der Erleichterung.
Hier sind die alten Straßen zwar sehr eng und teilweise kaum von einem Feldweg zu unterscheiden, dafür aber mit großen, alten und vor allem schattenspendenden Bäumen gesäumt. Da kommt die Vorfreude wieder hoch, diese idyllisch anmutende Gegend mit der Enduro zu erkunden.
Basislager am See
Unsere Basis ist ein kleiner Ort mit einem – wie sollte es anders sein – See vor den Türen des kleinen Schlossgasthofs. Wer es nobler mag, kann direkt im Schloss unterkommen, welches zu einem Vier-Sterne-Hotel umgebaut wurde. Ansonsten stehen auch kleine Ferienwohnungen zur Verfügung.

Gut gelaunt, denn wir wurden direkt mit reichhaltigem Abendessen und einem kühlen Bier begrüßt, beziehen Christian und ich unsere Zimmer, die mehr als ausreichend ausgestattet sind. Wenn wir ansonsten auf „Tour“ sind, gibt es manchmal nur noch ein Zimmer mit Doppelbett und gemeinsamer Sanitäranlagennutzung mit allen auf der Etage – oder man bettet sich gleich in den Van. Wahrer Luxus kann so einfach sein.
Der Rest des Abends gestaltet sich hingegen wie üblich: Wir besprechen gemeinsam den nächsten Tag für unsere weitere Tour durch Polen.

Erster Fahrtag: Richtung Meer
Früh beginnt der Tag in Polen, denn die Motorräder müssen aus dem Van geholt werden – gestern war es schon zu dunkel dafür. Dann ein Frühstück vom Büfett, alle Trinkflaschen und -rucksäcke befüllt und schließlich rein in die Klamotten. Es ist gerade mal neun Uhr und schon brennt die Sonne auf uns nieder – da hilft nur noch Fahrtwind. Wir machen uns auf Richtung Norden, dem Meer entgegen. Heute ist Freitag, also zumindest ein Wochentag, wenn auch inmitten der Ferienzeit, und wir hoffen auf etwas weniger Publikum an der Küste als am Wochenende.
Wald, Wasser und erste kleine Patzer
Bis zu unserem ersten „touristischen“ Ziel in Polen berühren wir kaum Asphalt. Direkt vom Gasthof geht es auf einen kleinen unbefestigten Weg und schon sind wir im Wald verschwunden. Dort ist es merklich kühler. Einige Matschpfützen und kleinere Bachdurchfahrten kreuzen die Singletrails, bieten Abkühlung und Abwechslung gleichermaßen.
Besonders die Kühle vermissen wir schmerzlich, als wir in bewirtschaftetere Gegenden kommen. Auf staubigen Ackerwegen, an teils abgeernteten Feldern vorbei, leidet die Konzentration unter der Sonne.




Schwupps ist mein Hinterrad auf Abwege gekommen und rutscht von dem kleinen Trampelpfad entlang eines Baches, der einen Meter tiefer liegt, in selbige Richtung. Ich kann die kleine Honda zwar noch halten, aber ein Versuch, allein da herauszukommen, stellt sich als zwecklos heraus.
Schon eilen die Mitstreiter heran und es kann weitergehen. Schon bald holt es den nächsten aus dem Sattel. Das Gelände, nicht wirklich schwierig zu befahren, zeigt seine Tücken in zugewachsenen Fahrspuren, in denen auch größere Hindernisse nicht zu erkennen sind.
Unerwartete Pause: Fort Marian
Da kommt das „Fort Marian“, eine Mischung aus Museum, Werkstatt und Battlefield und bekannt in ganz Polen, pünktlich für eine kleine Auszeit in Sicht. Auf einem kleinen Hügel gelegen, sieht man schon von Weitem den „Hangar“ und viele ausrangierte militärische Fahr- und Flugzeuge.

Weder mein Bruder noch ich sind sehr an Militaria interessiert, doch man begrüßt uns sehr freundlich und wir dürfen uns auf dem Gelände frei bewegen, Fotos machen und Fragen stellen. Dabei entdecken wir neben den Militärfahrzeugen auch zivile Fahrzeuge und einige Kuriositäten, sodass der Halt neben einer kleinen Rast auch für uns Unterhaltsames zu bieten hat.

Matsch, Spurrillen und Teamarbeit
Weiter geht es durch die schon bekannte Landschaft aus Wäldern und Feldern, bis wir entlang eines Bahndamms auf eine matschige Herausforderung stoßen. Der Fahrweg ist durchzogen von etlichen tiefen Spurrillen, teils knochenhart getrocknet, teils matschig und mit Wasser gefüllt. Dazu kleinere und größere Äste, die wild umherliegen. Für mich und meinen Bruder eine kleine Tour de Force – ich versuche es stehend, er sitzend. Alle bleiben irgendwann mal stecken, selbst Jochen. Ich bin wohl aber die Einzige, die Hilfe in Anspruch nehmen muss, um aus dem Dreck zu kommen.
Den Weg endgültig bezwungen, alles matschverschlammt, stellen wir uns vor, wie dieser bei schlechtem Wetter aussehen mag. Feixend gesteht uns Jochen, dass seine Guides manchmal die Gruppen allein dadurch schicken und selbst einen kleinen Umweg machen, um dann beim Ausstieg zu warten. Wir finden, dass wir uns dementsprechend gut geschlagen haben und es nun dringend einer Belohnung in Form eines Kaffees und Eis – oder beidem – bedarf.
Ostsee: Ankommen und Durchatmen
Nicht mehr weit von der Küste in Polen entfernt, naht auch das nächste Städtchen, um uns diese Wünsche zu erfüllen. Wir meiden das große Darłowo / Rügenwalde – unter anderen Umständen sicherlich einen Besuch wert – und fahren direkt zu einer Promenade an der Ostsee und genießen den ersten Blick aufs Meer.
Hier herrscht schon ein wenig Trubel, doch weit entfernt vom Jahrmarktstreiben in der Nähe der großen Strände. Dieser Wandel ist auch in dem kleinen Fischerort mit dem idyllischen Hafen bemerkbar, der wie aus der Zeit gefallen scheint.


Hier machen wir einen letzten Halt, tauchen eine Zehe ins Meer und können uns gut vorstellen, dass man in der Nebensaison tatsächlich bis an den Strand in Sichtweite fahren kann. Wir betrachten verträumt die bunten Fischerboote, die am Strand liegen.
Nur ein Wassersportler auf einem elektrischen Surfboard – Wassersport im Allgemeinen hat eine große Tradition in Polen – holt uns in die heutige Zeit zurück. Zurück nehmen wir etwas unaufwändigere Strecken und kommen gerade noch rechtzeitig an den schon gedeckten Tisch.
Sand ohne Ende
Der zweite Tag führt uns nach Südwesten und schon nach wenigen Kilometern bemerken wir eine Veränderung der Landschaft. Die Wälder bestehen größtenteils aus Nadelholz, die Felder sind eher Wiesen und der Boden karger. Sand – dies wird einem spätestens klar, wenn man selbst auf breiten Waldwegen ins Schlingern kommt oder gar direkt darin landet. Weder Christian noch ich sind darin sonderlich geübt und müssen uns ein wenig eingrooven.




Langsamkeit als Strategie
Sobald die Wege kleiner werden, noch nicht einmal zu Singletrails, stoßen wir immer wieder auf umgestürzte Bäume und müssen uns Umfahrungen suchen. Das ist zwar ein wenig zeitraubend, macht aber viel Spaß. Mir zumindest – ich mag das langsame Schauen, sich einen Weg durchs Unterholz schlagen, anstatt wild und schnell durch die Gegend zu brettern.
Seen, Technik und Selbstversorgung
Immer wieder landen wir auf Mischungen aus Wiesen und Lichtungen und können den Blick schweifen lassen. Dazu taucht alle Nase lang ein See am Wegesrand auf und lädt zu einer kleinen Abkühlung in Form von Wasserspielen ein. Schließlich landen wir am Pumpspeicherkraftwerk Żydowo, einer kleinen technischen Sehenswürdigkeit.
Das Kraftwerk macht sich die Nähe zweier natürlicher Seen mit einem Höhenunterschied von über 80 m zunutze. Am unteren See gibt es sogar einen kleinen Campingplatz, der sich reger Nutzung erfreut und uns mit etwas Schatten zu einer kleinen Verschnaufpause einlädt. Nur einen Kaffee für die Herren gibt es leider nicht.



Da macht sich nicht nur die dünne Besiedlung der Gegend bemerkbar, die an der touristisch geprägten Küste in Polen nicht ganz so ins Gewicht fällt. Man sieht Menschen, die sich an Seen und Flüssen tummeln und ihrem Vergnügen nachgehen, die kulinarische Infrastruktur hingegen nicht. Selbstversorgung ist an der Tagesordnung – ob beim Angeln, Kanufahren oder Schwimmen.
Immerhin: genug Wasser haben wir an Bord, dazu ein paar kleine Snacks.
Der große Sandhügel
Mit Vorfreude geht es in die nächste Etappe zum großen Sandhügel. Jochen hatte Christian und mir im Vorfeld ein paar Fotos gezeigt und wir hatten wild spekuliert – aber das dann doch nicht erwartet. Auf dem Weg durch einen Kiefernwald wird es noch sandiger. Wir halten uns am Rand, wo die Wurzeln den Boden noch ein wenig halten, und landen an einem riesigen Sandhaufen mitten im Wald.
Am Fuße tummeln sich vier junge polnische Endurofahrer – die ersten und einzigen, denen wir auf unseren Ausfahrten begegnen sollen. Sie schmunzeln schon ein wenig, als sie uns mit unseren Softenduros anrollen sehen. Einzig Jochen auf seiner alten Yamaha TT 350 wäre ihnen wohl gewachsen. Wir sind ehrlich gesagt auch eher neugierig, anstatt wirklich einen Versuch zu wagen, dort hinaufzukommen.
Zuschauen, Staunen, Lernen
Tatsächlich lassen sich die Vier nicht lange bitten und geben uns eine kleine Vorführung in Sachen Sandfahren. Mit Anlauf über eine hügelige Tiefsandstrecke geht es den Berg hinauf und auch wieder herunter – was vermutlich nicht weniger Mut erfordert. Die Sportenduros machen einen Höllenlärm und werfen den Sand in die Höhe. Plötzlich ruft Jochen: „Der schaltet sogar noch hoch beim Fahren nach oben. Unglaublich.“
Das Erlebnis lässt ihn den ganzen Tag nicht mehr los.

Beim Plausch danach erfahren wir, dass die Enduristen hier geduldet werden, weiteres Fahren im Gelände oder gar im Wald jedoch tabu ist. Nun ja – ihre Fahrzeuge sind auch nicht angemeldet und haben wahrscheinlich noch nicht einmal eine Straßenzulassung. Sie sind mit einem Transportfahrzeug so nah wie möglich herangekommen.
Der Chickenway – und ein würdiges Ende
Nun wollen wir aber auch unser Glück versuchen. Nein, nicht den Berg rauf, sondern den „Chickenway“ außen herum. Jochen fährt vor, wir hinterher. Nach circa 200 m hat sich das Hinterrad meines Bruders im Sand vergraben. Ich komme gerade mal 100 m weiter, dann ereilt auch mich dieses Schicksal.
Mein Bruder war allerdings schlauer und hat sich ein Plätzchen in der Nähe eines Baumes gesucht – Schatten in der Nähe. Ich dagegen stehe in der Sonnenglut und komme mir vor wie in der Sahara.
Was soll’s. Wir lachen, trinken Wasser, schieben, helfen uns gegenseitig. Genau dafür sind wir hier: nicht um etwas zu beweisen, sondern um gemeinsam unterwegs zu sein. Und genau so fühlt sich diese Reise auch an.
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