24 Blick vom Timmelsjoch zurück von der Route des Grandes Alpes

Route des Grandes Alpes – allein unterwegs zwischen Pässen, Hitze und Sehnsucht

Un café noir et une gauloise, s’il vous plaît

Der Wunsch nach einer großen Motorradtour wuchs
a) in Schottland, denn da habe ich vor ein paar Jahren meine 1. große Motorradtour gemacht. Es war landschaftlich herrlich dort, aber fahrerisch anspruchsvoll war es nur an einigen wenigen Pässen.
b) war ich 3x auf einem privat organisierten Höhentreffen in Südtirol und bin immer nur hinterhergedackelt.

Also war der Wunsch geboren, eine eigene neue Route zu erkunden.

Auf etlichen Motorradmessen habe ich mich in den letzten 2 Jahren mit Informationen und Kartenmaterial eingedeckt, und mein Wunsch, es endlich zu tun, wurde immer größer – die Route des Grandes Alpes.

Vorbereitung und Technik der Route des Grandes Alpes mit dem Motorrad

Wochen vor der Tour habe ich in die kleine Kawasaki Versys 650 investiert, damit sie diese lange Strecke ohne Werkstattbesuche überlebt. Neuer Reifensatz, neue Bremsbeläge vorn, neue Kette, neue Bremsscheibe vorn, Luftfilterwechsel etc. waren die wichtigsten Dinge, die es vorher zu machen galt.

27 Trainingseinlage
Trainingseinheit vorab. Foto: Claudia Staloch

Kartenmaterial und Planung

Mein Kartenwerk:
Die wichtigste und größte Hilfe war ein Bericht in der Zeitschrift „Alpentourer“, die einen ausführlichen Bericht mit Streckeneinteilung hatte.

Meine Vorfreude war so sehr groß.

So ungefähr sollte die Route aussehen:

1. Tag – Start in den Urlaub

  1. Tag: Abfahrt in Essen-Stoppenberg über Linz am Rhein über Mayen, Wittlich, St. Wendel, Moseltal und Hunsrück bis Saarbrücken.

Sonntag, 25.08.19, war dann der 1. Urlaubstag, wo es endlich losging. Da ich jedes Jahr einen Familienbeitrag von 22,- € für das Deutsche Jugendherbergswerk DJH entrichte, übernachte ich natürlich gerne dort. Nicht spottbillig, aber ein kleines bisschen günstiger als einschlägige Hotels. Meistens bieten JH auch Komfort wie Parkmöglichkeit, Unterstellplätze fürs Motorrad, Aufenthaltsräume, Kaffeeautomaten und Frühstücksbuffet, sodass ich mich immer mit einem Extrabrötchen für mittags eindecke.

1 Claudia mit Eis
Eis vor der Fähre über den Rhein. Foto: Claudia Staloch

Aufgrund der anhaltenden Hitze bin ich auch nicht am Nürburgring vorbei. Bei 30 Grad ist Ankommen und Duschen das Ziel.

2. Tag – Vogesen und Hitze

  1. Tag: von Saarbrücken bis Besançon über die bis zu 1200 m hoch gelegenen Vogesen.

Der Lac du Wildenstein war völlig ausgetrocknet. Die Hitze macht mir zu schaffen. Über 28 Grad ist nicht mein Wohlfühlbereich – der liegt bei 10–20 Grad. Na egal, ich kann es ja nicht ändern. Dafür kühle ich mir zwischendurch die Mauken im kühlen Fluss oder See.

Übernachtet wurde in einem Hostel, wo ich mir mit 2 holländischen Motorradfahrern eine abgeschlossene Garage für 3 Mopeds teilen konnte.

4 Französischer Proviant
Proviant – auf französische Art. Foto: Claudia Staloch

Das Frühstück am 3. Reisetag war dann typisch französisch. Abends in Besançon war ich im französischen Restaurant speisen – das nahm mir die Lust, in Frankreich Restaurants aufzusuchen. Es ist dort recht teuer. Ich beschloss dann, so weit es ging, mich von Supermarktessen zu versorgen, was auch oft gut war. Außerdem hatte ich eine kleine Kühltasche mit 2 Kühlakkus dabei, die mir überall freundlich über Nacht gekühlt wurde, sodass ich auch mal Butter und Käse dabei hatte sowie Schokolade und kalte Getränke.

3. Tag – Jura, Genfer See und französischer Fahrstil

  1. Tag von Besançon bis Thonon-les-Bains wurde es dann langsam interessanter. Nicht nur, weil ich ab da noch nie war, sondern weil ich mir ab Besançon auch mehr Mühe gegeben habe, eine tolle Strecke auszuwählen. Dazu verhalf mir die laminierte Tourenkarte von „Biker und Betten“.

Von Besançon bin ich über Quingey nach Salins-les-Bains, dann nach Arc-et-Senans, über Arbois nach Champagnole, St. Laurent-en-Grandvaux nach Nyon und von da über Lausanne nach Thonon-les-Bains.

Toll, dass die Strecke durch das Juragebirge teilweise führt, von dem ich vorher nie gehört hatte. Wasservorräte wurden an öffentlichen Brunnen aufgefüllt. Eine kleine Wanderung, laut Internetrecherchen nur 5 min, in der Realität doch 30 min – was bei 30 Grad in Motorradstiefeln nicht gerade amüsant ist – brachte mich dann aber zu einem tollen Aussichtspunkt auf die französische Jura.

7 Claudias 1. Schild auf der Route des Grandes Alpes

Das Stück von Morez bis Nyon wurde dann fahrerisch interessanter, zumal ein kleiner Pass dabei war, von dem aus man eine herrliche Sicht auf den großen Genfer See hatte.

Die Strecke durch Genf hat mir dann gezeigt, wie Franzosen richtig Zweirad fahren. Dessen Fahrstil habe ich dann liebend gern übernommen: an jeder Autoschlange links vorbei und irgendwie reinschummeln. Im Gegensatz zu deutschen Fahrgewohnheiten wird das hier geduldet (und macht richtig Spaß).

Die Strecke von Genf bis Thonon-les-Bains zieht sich dann langweilig hin.

Vorbereitung auf die Hauptetappe der Route des Grandes Alpes

Bei einer abendlichen Pizza lese ich dann nochmal genau den Bericht über die RDGA, damit mir ab morgen nichts entgeht. Meine Vorfreude wächst und wächst dadurch ja auch.

Reihenfolge der Pässe für morgen bis Valloire, entgegen der Empfehlung, das an 2 Tagen zu machen:

Col du Gets
Col de la Colombière
Col des Aravis
Col du Saisies
Cormet de Roselend
Col de l’Iseran
Col du Télégraphe

Wie man sieht: ein ordentlicher Plan, auf den man sich freuen kann, zumal ich immer Königswetter hatte. Die Strecke am ersten Tag beläuft sich dann auf ca. 330 km.

Hinweise zum Startpunkt der RDGA

Ein Deutscher im Hotel in Thonon-les-Bains gab mir den Tipp, dass es eine Markierung in der Stadt gibt, wo genau die RDGA beginnt. Aufgrund der Tatsache, dass ich 2 Tagesetappen an einem Tag fahren wollte, habe ich die Stelle nicht aufgesucht, da ich morgens die Fülle des Stadtverkehrsaufkommens nicht einschätzen konnte. Das ibis-Budget-Hotel ist übrigens empfehlenswert.

Hintergrund zur Route des Grandes Alpes

Noch mal einige Infos vorab zur Rout des Grandes Alpes:
Gebaut wurde die 680 km lange Strecke ab 1913, um den Genfer See mit dem Mittelmeer zu verbinden. 1937 war der Bau dann fertig mit der zuletzt gebauten Teilstrecke des Col de l’Iserans. Die Tour de France findet alljährlich im Juli statt. Da die Tour einige dieser grandiosen Alpenpässe immer wieder mit einbaut, ist in dieser Zeit die Route natürlich nicht befahrbar.

Die Saison der Route des Grandes Alpes ist dadurch nur sehr kurz, da manche Pässe erst Anfang Juli dem Winter entkommen, d. h. befahrbar sind. Da die hohen Pässe wie Galibier und Iseran auch nicht für den normalen Straßenverkehr genutzt werden, werden sie auch nie vom Schnee geräumt.

Da plötzliche Schneeeinbrüche auch jedem Motorradfahrer das Pässeknacken verleiden kann, empfiehlt es sich, die Route Ende August bis Mitte September erledigt zu haben. Einige Hotels schließen auch ab Mitte September.

Trotzdem verwundert es, dass die ganze RDGA niemals so voll ist wie jeder Pass in Südtirol in den Alpen.

4. Tag – Thonon-les-Bains bis Valloire

  1. Tag: von Thonon-les-Bains bis Valloire (ca. 330 km).

Wie immer gutes Wetter, morgens ein bisschen Nebel, der sich schnell verflüchtigt. Da ich zu Hause etwas weniger Motorrad fahre als früher, war ich die ersten 3 Tage etwas unorthodox unterwegs: Kurve mal außen, mal innen erwischt, Schräglage noch nicht bis zum Äußersten, Rechtskurve immer recht gut, in Linkskurven doch immer ein wenig geschnippelt statt rechts außen zu nehmen.

Da ich sicher zu Hause ankommen wollte und auch Kurvenspaß wollte, habe ich mich sehr um korrekte Fahrweise bemüht. Zumal mir manchmal Vollpfosten auf meiner Fahrbahn entgegenkamen. Das mag ich so gar nicht.

8 Claudia vor dem Schild zum Col de la Columbière
Am Col de la Colombière. Foto: Claudia Staloch

Es ging also jetzt richtig los.

Der Tag wurde dann immer grandioser. Der See hinter Beaufort war wunderschön anzuschauen. Die 330 km waren auch mit genügend Zwischenstopps zum Fotografieren, Pinkeln, Essen und Trinken versehen.

Ankunft und Standortwahl in Valloire

Nach vielen tollen und immer besser gefahrenen Kilometern meinerseits kam ich dann abends um 18 Uhr in Valloire an. Ich buchte dieses Zimmer für 2 Nächte, da mein Plan war, eine Extrarunde zu fahren über:

  1. Col du Mollard 1638 m
  1. Col de la Croix de Fer 2038 m
  1. Col du Glandon 1924 m
  1. Col du Lautaret 2058 m
  1. Col du Galibier 2645 m

anders herum als auf meiner üblichen Nord-Süd-Strecke. Will heißen: Col du Galibier 2x in 2 Tagen.

9 Herzen Valloire
Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust. Foto: Claudia Staloch

Valloire ist sehr touristisch, viele Wander- und Skimöglichkeiten. Mein Zimmer entpuppte sich als tolle Ausgangsbasis für die Extrarunde, zumal ich da Kühlschrank und Küche hatte, in der ich mir dann 2x Salat zubereiten konnte. Außerdem hatte ich einen herrlichen Blick vom Balkon auf das Zentrum der Stadt und gegenüber auf die Garage. Was will man mehr. Frühstück habe ich auf dem Zimmer zu mir genommen.

Der Aufstieg auf alle Pässe war grandios, Herzklopfen gab es selbstverständlich auf dem Col de l’Iseran, zumal ich auch viele Rennradfahrer beobachten konnte, wie sie sich hinauf quälten. So langsam wurde ich kurvenhungrig. Ich muss zugeben: so im Nachhinein weiß ich nicht mehr genau, welcher Pass die schönsten Abschnitte hatte oder wo die ätzendsten Spitzkehren waren. Das vergesse ich schnell.

5. Tag – Extrarunde ab Valloire

  1. Tag: Extrarunde, Ausgangspunkt Valloire.

Gestartet bin ich für meine Langschläfergewohnheiten recht früh um 9 Uhr, denn ich habe mich so gefreut auf diese Runde, da wollte ich nichts verpassen.

Was auch immer wieder mal auf der Route des Grandes Alpes passieren kann: dass der Col du Galibier für ein Radrennen von 8–11 Uhr gesperrt ist. Auf der Strecke waren deutliche Hinweisschilder. Da ich aber gegen den Uhrzeigersinn die Runde fahren wollte, betraf mich das nicht, denn ich komme erst nachmittags da rüber.

Pässe, Radfahrer und Landschaft

Auf dem Col du Mollard fällt mir zum 1. Mal auf, dass es Infobetonschilder für die Radfahrer gibt, damit die Radler wissen, wie weit das Ziel ist und welche Steigung gerade auf sie zukommt. Ich bin ja auch radbegeistert und finde das grandios.

Der Col du Mollard ist landschaftlich ein Highlight. Ich bin auch froh, dass es hier oben auf den Pässen immer angenehm kühl ist, ich aber trotzdem noch in dünner Sommerkombi fahren kann und das Winterdress noch im Topcase verweilen kann.

Der Col de la Croix de Fer folgt danach. Auch hier top Ausblicke auf die Landschaft. Rechts tiefe Abgründe ohne Leitplanke, die sicheres Fahren erfordern.

„Die Strecke durch Genf hat mir dann gezeigt, wie Franzosen richtig Zweirad fahren. Den Fahrstil habe ich dann liebend gern übernommen: an jeder Autoschlange links vorbei und irgendwie reinschummeln.“ (Claudia Staloch)

Auf den Spuren der Tour de France

Jaaaa, jetzt bin ich holperig über eine unbefestigte Straße nach Huez gefahren. Auf den Spuren der „Tour“ natürlich. Huez hab ich dann irgendwie nicht so recht gefunden, und ich bin weiter gedüst. Kommt halt mal vor.

Nun folgt eine gut ausgebaute Schnellstraße Richtung Col du Galibier, aber noch über Col du Lautaret.

Sooo… Col du Galibier, auch ein entscheidender Pass der „Tour“.

11 Bilderrahmen Croix de la fer
Ein Fenster auf die Alpen. Foto: Claudia Staloch

Nach dem Galibier geht’s wieder zu meinem kleinen Appartement nach Valloire, um den nächsten Tag vorzubereiten.

6. Tag – Richtung Barcelonnette

  1. Tag: Der heutige Tag soll mich bis Barcelonnette führen. Gesamt ca. 155 km.
    Als Erstes freue ich mich natürlich, den Col du Galibier dann auch noch mal von Norden nach Süden fahren zu können.

Col du Galibier 2645 m
Col du Lautaret 2058 m
Col d’Izoard 2360 m
Col de Vars 2109 m

Ich gehe den Tag entspannt an, da ich ja nicht so viele Kilometer vor der Brust habe.

Kühlwasser, Geräusche und Unsicherheit

Übrigens ist gestern am Galibier zum 1. Mal das Kühlwasser zum Blubbern heiß geworden.

Weiter geht’s Richtung Col d’Izoard. Oben parke ich riskant auf Schotter, um natürlich ein eindrucksvolles Foto machen zu können. Die Parkmanöver auf unbefestigtem Untergrund sind übrigens die einzigen Situationen, die mir auf dieser Reise – wo ich ja als Mädchen allein unterwegs bin – öfter Herzklopfen verursacht haben. Das Fahren auf angeblich gefährlichen Straßen juckt mich nicht, aber 250 kg irgendwie auf Schotter sicher abzustellen für ein Foto – das hat was.

Den Col du Vars überfahre ich flott, kein Bock auf Anhalten fürs Foto.

Bremsengeräusche und Werkstattbesuch

Die Abfahrt lässt mich zum 1. Mal seltsame Geräusche aus der Hinterradbremse hören. Das verunsichert mich total, da es sich anhört, als liefen die Beläge auf Metall. Dahergelaufene „Spezialisten“ bestätigen mir dann auch noch nach Sicht, dass die Beläge platt seien. Kurz vor Barcelonnette suche ich dann eine Gott sei Dank geöffnete Motorradwerkstatt auf, obwohl ich mich wunderte, da mein Kawasaki-Händler zu Hause sagte, die Beläge seien noch gut.

Nach langer Warterei auch hier die Bestätigung, dass Bremsflüssigkeit gut aussah und die Beläge okay seien. Bremsgeräusche stammten vom Bremsabrieb.

Ankommen in Barcelonnette

Ich bin sehr früh in Barcelonnette und entscheide mich
a) aufgrund der Bremsen
b) aufgrund von aufkommendem Regen,
den Col de la Bonette, der der schönste Pass sein soll, hier erst mal nicht zu befahren.

Ich beziehe mein Zimmer mit Küche, kaufe Rindfleischfrikadellen zum Selberbraten und stinke damit mein ganzes Appartement voll. Hier nächtigen auch viele Radler, die alle ihre Bekleidung nach dem Waschen auf der Terrasse trocknen.

Aber ich bin traurig, dass ich den Col de la Bonette jetzt nicht befahren habe, obwohl mir unterwegs ein Vögelchen zwitscherte, es sei landschaftlich der interessanteste hier.

Ich bummel noch ein wenig durch Barcelonnette, kaufe Souvenirs, finde tolle Landkarten von der RDGA und von der Verdonschlucht, bestaune die mexikanischen Produkte, die hier angeboten werden, und gehe glücklich ins Bett. Mein kleines Stadtappartement verleiht mir auch das Gefühl, ich sei Einheimischer, da es sehr zentral gelegen ist und ich die Franzosen auf dem Marktplatz gegenüber beim Boule spielen beobachten kann.

Ich plane, morgens früh aufzustehen und den Bonette dann doch noch mit einzubauen.

7. Tag – Der Col de la Bonette

Ich sehe viele lustige Verkehrsschilder auf der Route des Grandes Alpes, und siehe da: mein erstes Murmeltier taucht vor mir auf. Bin ganz aufgeregt, will es fotografieren – da ist es aber leider schon futsch.

Der Aufstieg zum Col de la Bonette ist landschaftlich ein Traum. Oben glaubt man, man sei auf dem Mars, so karg ist das Gestein in schwarzer Farbe auf dem obersten Zipfel. Auch auf den letzten Metern keine Leitplanke neben der sehr schmalen Straße – nix. Ein Fahrfehler, und weg bist du. Aber wer macht schon Fahrfehler in dieser Situation.

Auch das 1. Hinweisschild für Nizza steht hier.

Heute:

Col de la Bonette 2600 m
Col de la Cayolle 2326 m
Col de Valberg 1673 m
Col de la Couillole 1678 m
Col Saint Martin 1500 m
Col de Turini 1607 m
Col de Castillon 706 m

Zurück geht es dann über den Ort Jausiers auf den originalen RDGA-Weg weiter, heute bis Menton.

Landschaft, Ruhe und Wetterumschwung

Nach Jausiers kommt der landschaftlich für mich schönste Pass: Col de la Cayolle. Ich komme mir vor wie in einem Naturschutzgebiet (ist es, glaube ich, auch), nutze die Abgeschiedenheit für ein ausgiebiges Picknick und genieße die Ruhe.

Nette Orte wie Guillaumes und Roubion durchfahre ich, dazwischen der unspektakuläre Col du Valberg. Hinter Guillaumes zieht sich der Himmel zu, und ein Gewitter scheint im Anmarsch. Es donnert angsteinflößend laut, und ich gebe ein bisschen mehr Gas, denn Richtung Süden sieht es heller aus.

Den Col Saint Martin überfahre ich aus Versehen, hab gar kein Passschild gesehen, und nähere mich dem berühmten Col de Turini. Entgegen kleinerer Pässe, die mich positiv überraschten, war der Turini für mich der doofste Pass. Oben hatte ich wieder Kaffeemaschine an (mein heißes Kühlwasser blubbert vor sich hin) und gehe auf einen Espresso ins Café, wo viele Prominente wegen stattfindender Rennen auch mit Autos fotografisch verewigt waren.

„Der Aufstieg zum Col de la Bonette ist landschaftlich ein Traum. Oben glaubt man, man sei auf dem Mars, so karg ist das Gestein in schwarzer Farbe auf dem obersten Zipfel.“ (Claudia Staloch)

Ankunft am Mittelmeer

Und dannnnn … das Mittelmeer in greifbarer Nähe! Auch hier gibt es in der Stadt einen Endpunkt der Route des Grandes Alpes, den ich aber nicht aufsuche.

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Ankunft in Bordeaux. Foto: Claudia Staloch

Ich beziehe mein Hotel, dusche und gehe mein 1. Etappenziel natürlich zur Happy Hour feiern – mit einem Bordeaux und Musik!

Entscheidung am Mittelmeer: Küste oder Berge

Sofort muss ich entscheiden, ob ich an der überfüllten Côte d’Azur entlang oder über die Berge nach Castellane fahren möchte, wo mein 2. Highlight auf mich wartet: der Grand Canyon du Verdon. Ich entscheide mich für die Küstenstraße, weil Berge hatte ich erst mal genug und in Lavarone kommen ja auch wieder welche. Außerdem reizt es mich, in Grasse in das berühmte Parfümmuseum zu gehen, da ich beruflich in einer Parfümerie arbeite.

Mein Ziel ist der Ausgangspunkt des Grand Canyon du Verdon. Ich möchte ein bisschen auf den Spuren der Schönen und Reichen an der Côte d’Azur entlang bis Monaco, dann über Grasse bis zur Schlucht.

Die Fahrt erweist sich wie vorausgesehen als heiß und doof, aber ich wollte einmal meiner kleinen Gelben die Küste zeigen. Zwischen schönen abgelegenen Villen liegen hässliche Hochhäuser, es ist heiß und es herrscht viel Verkehr. Wo da eine Rennstrecke sein soll, die man in Monte Carlo abfahren kann – keine Ahnung.

Zwischenstopp in Grasse

Das Parfümmuseum ist recht interessant. Es war aufgrund der vielen Einbahnstraßen in Grasse schwer zu erreichen, aber mit Hilfe des Touristenbüros finde ich es dann. Leider Erklärungen nur in Französisch und Englisch, sodass ich nur Bahnhof verstehe – aber ICH WAR DRIN, liebe Arbeitskollegen!!!

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Straßenimpression in Grasse. Foto: Claudia Staloch

Ankunft in Castellane

Die Ankunft in Castellane war dafür umso positiver. Ich hatte ein Mehrbettzimmer für 27,- € inkl. Frühstück gebucht und war gespannt wie ein Flitzebogen. Erst erstaunte mich, dass es nicht direkt in Castellane war, sondern 10 km hoch auf dem Hügel. Im Nachhinein war ich aber froh, weil man einen herrlichen Blick auf einen See und Ruhe hatte.

Erst schien es so, dass ich ein 4er-Zimmer für mich allein hatte, abends kam dann doch noch ein 22-jähriges Mädchen aus Australien, die die 10 km mit Rucksack zu Fuß erledigt hatte. Das Frühstück für den nächsten Tag war liebevoll gedeckt, sodass ich mich gleich heimisch fühlte. Das war auch der Verdienst des netten Wirts, der alle Wünsche versuchte zu erfüllen.

Abends konnte ich mich dann ein bisschen auf Englisch unterhalten – ist ja für mich Alleinreisende eine willkommene Abwechslung. In Castellane direkt übernachten ist übrigens auch nicht ganz billig.

8. Tag – Rund um den Grand Canyon du Verdon

Europas tiefste Schlucht (oder 2./3. tiefste – egal). Ich bin so neugierig. Ich entscheide mich zum 1. Mal, in T-Shirt und kurzer Motorradhose zu fahren, da ich genießen und nicht heizen wollte. Außerdem holte ich mir einen Sonnenbrand auf den Unterarmen.

Man kann die Tour in beide Richtungen fahren, da man alles aus verschiedener Sicht sieht. Ich habe es nicht getan, habe dafür öfter ein Päuschen zum Gucken, Fotografieren, Bummeln und Genießen eingelegt.

Ich bin gegen den Uhrzeigersinn zuerst zum Ort Moustiers-Ste-Marie gefahren, der am großen See Lac du Ste Croix hübsch anzuschauen ist. Dort kaufte ich ein paar nette Souvenirs, schaute mir die Quelle an und aß meinen ersten Crêpes mit Puderzucker.

Bei einer kleinen Wanderung, um eine schöne Aussicht zu haben, verlief ich mich ein wenig im Gebüsch auf dem Weg zurück – aber sonst wär es ja kein Abenteuer.

Begegnungen unterwegs

Abends im Hostel angekommen übernachtete eine 3. Person auf unserem Zimmer: eine Motorradreisende aus Portugal, die aus Island kam, mit einer Honda Crosstourer. Natürlich freue ich mich, endlich mal eine alleinreisende Frau kennenzulernen, und wir quasseln angeregt. Sie fuhr von Portugal über Frankreich, Deutschland und Dänemark mit der Fähre drei Tage nach Island und war auf dem Rückweg. Sechs Wochen, ca. 12.000 km. Beruf: Lehrerin. Da war ich natürlich neidisch.

Fazit: Verdon-Schlucht

Fazit des Canyons: Fahrt dorthin, genießt die Landschaft – aber sooo atemberaubend wie angepriesen fand ich es nicht. Unterwegs in Frankreich hatte ich andere Schluchten gesehen, die ähnlich, aber nicht so imposant waren. Die Strecken waren nicht sonderlich gefährlich; da war ich von den Pässen Schlimmeres gewöhnt. Die Straßen waren stets für zwei Fahrzeuge breit genug.

19 Gorges du Clans
Spektakulär – die Gorges du Clans. Foto: Claudia Staloch

Aber ein Supertag lag hinter mir! Es war spitze.

9. Tag – Weiter Richtung oberitalienische Seen

Einzig und allein die Fahrt in Richtung der oberitalienischen Seen. Erste Tageshälfte schön. Einen Teil der Sonderroute der Route des Grandes Alpes über Entrevaux nehme ich natürlich noch mit: Isola, Isola 2000 und Col de la Lombardi über 2300 m werden überfahren, um dann langweilige Landstraße Richtung Novara zu nehmen.

Weiter bis zum Lago Maggiore traute ich nicht zu planen, da ich die Grenze von Frankreich zu Italien nicht abschätzen konnte.

Genaugenommen ist das schöne Stück der RDGA das Stück von Entrevaux bis Beuil. Dort gibt es eine wahnsinnig schöne Schlucht mit engen Passagen, wo das ganze Felsgestein rot ist. Bin froh, das Stück noch mitnehmen zu können.

Über den Col de la Lombardi nach Italien

Anschließend der sehr schöne Col de la Lombardi, der mich dann nach Italien führt. Der Versuch, ein Stoffmurmeltier im Souvenirladen zu ergattern, scheitert kläglich an den französischen Öffnungszeiten. Dann zack bis Novara. Die Überlegung, einen Abstecher zum Mailänder Dom zu unternehmen, verwerfe ich ganz schnell aufgrund des starken Verkehrsaufkommens. So ein Fotostopp wäre aber witzig gewesen.

Am Lombardi turnt ein letztes Mal ein Murmeltier 1,5 m vor mir rum. Minutenlanges Ausharren zum Fotografieren, bis es aus dem Loch wieder rauskommt, verlief aufgrund meiner Ungeduld ohne Erfolg. Gerade Handy eingesteckt, krabbelt das Tierchen aus dem Bau und flitzt weg. Schade!

Zwischenstopp Novara

Novara ist dann nicht erwähnenswert: doofes, teures Hotel, City voller Baustellen, sodass ich am nächsten Morgen noch nicht mal mehr den Dom sehe. Winziger Wermutstropfen: Das Hotel hatte ein Restaurant mit Holzkohlegrill – so konnte ich wenigstens unter Italienern essen, das hatte aber auch ewig gedauert.

Oberitalienische Seen – persönliche Erinnerungen

Dann zack – Lago Maggiore!

Für mich persönlich hängen viele Erinnerungen an jedem der oberitalienischen Seen, sodass jeder Besuch für mich eine nicht zu vermittelnde emotionale Bedeutung hat. Jedem See schenke ich hier einen Bericht.

„Diese Strecke verdient Zeit, Aufmerksamkeit und Genuss.“ (Claudia Staloch)

Luganer See

Noch nie war ich mit dem Motorrad in solch einem Klima. Es gibt exotische Pflanzen, aus jeder Ecke duftet es anders, Palmen säumen den Straßenrand – es ist traumhaft. Das vermischt mit dem barocken italienischen Flair treibt mir Pipi in die Augen.

Es folgt der Luganer See, dem ich auf der nördlichen schweizer Seite bis zum Comer See folge, um in Menaggio zu übernachten.

Lago di Piano

Ein kleiner, von mir vorher nie wahrgenommener See zwischen dem Luganer und dem Comer See lädt mich spontan für ein Badestündchen ein.

Comer See

Hier übernachte ich, um am nächsten Morgen mit der Autofähre nach Bellagio zu gelangen.

Hier auch noch mal ein großes Dankeschön an blahwas, der mir mit seiner Erfahrung den Tipp gab, an diesen Seen vorbeizufahren. Nach Bellagio folgt die östliche Seite des Comer Sees.

Richtung Lago d’Iseo

Am 12. Reisetag bewege ich die Versys dann weiter Richtung Lago d’Iseo. Mein Ziel ist das kleine Städtchen Pisogne am Nordostufer des Sees. Über nie vorher gehörte kleine Pässe schwinge ich mich etwas holperig Richtung Osten. Die Fahrt ist wunderschön, aber für meine Verhältnisse straßentechnisch eine Katastrophe. Es war zwar nie Schotter, aber der Asphalt ist streckenweise dermaßen alt, dass man wirklich nur im Schneckentempo weiterfahren kann.

23 Claudia blickt auf den Lago d'Iseo
Blick auf den Lago d’Iseo. Foto: Claudia Staloch

Aber dafür habe ich ja ein „versatiles“ Motorrad. Machbar ist natürlich alles – man muss nur wirklich auf Schlaglöcher und stark abgefallene Straßen und Risse etc. aufpassen. Passo Culmine di San Pietro im Cassina Valvassina war daher landschaftlich sehr schön, aber vom Straßenzustand her eher schlecht.

Ich schaue mir noch die Quelle „San Pellegrino“ an und düse Richtung Lago d’Iseo, ohne Bergamo mitzunehmen.

Aufenthalt in Pisogne

In Pisogne bin ich glücklich mit der Wahl des Hotels. Erstmal ist der Lago d’Iseo nicht so überlaufen. Das Hotel ist modern, hat eine Sauna, kostet nur 50,- € pro Nacht inkl. hervorragendem Frühstücksbuffet, und ich kann endlich Wäsche waschen.

Ich bleibe gleich zwei Nächte dort, bevor dann das Höhentreffen in Lavarone beginnt. Ich nutze die Zeit im Regen zum Chillen, Lesen, Saunieren und lecker Essen gehen. Drei-Gänge-Menü Mittagstisch für 12,- € – so einfach kann man mich glücklich machen. Ein Besuch eines kleinen botanischen Gartens ist auch noch drin.

Weiterfahrt nach Lavarone

Am 14. Reisetag fahre ich dann nach Lavarone. Ich suche mir die spannendste Straße aus, die ich vor Jahren je gefahren bin. Mit Theo als Tourguide am Lago di Valvestino die kurvenreiche Straße bis zum Gardasee runter nach Gargnano.

Am Ostufer des Lago d’Iseo entlang wundert mich, warum der Gardasee touristisch immer so überlaufen ist, da mir dieser kleine See hier 1000-mal besser gefällt. Eine Insel verfeinert den Blick auf den See, dessen Uferstraße wohl mit vielen Tunneln durchsetzt ist. Dahinter versteckt sich dann der wunderschöne Lago Ledro.

So, der Lago di Valvestino ist wunderschön, die Straße haut dir die Kurven nur so um die Ohren. Und irgendwann wird der Blick für den Gardasee frei. Ich gönne mir einen Cappuccino im gleichen Café, in dem wir damals pausierten, düse das Nordwestufer des großen Sees entlang bis Garda.

Ankunft beim Höhentreffen

Am Lago di Santa Massenza bestaune ich noch einmal die Natur, düse über Trient nach Lavarone und freue mich riesig nach zwei Wochen Einsamkeit über die lieben Organisatoren und Teilnehmer vom Höhentreffen.

Abschluss der Reise

Ich beende hier mal offiziell meinen Reisebericht der Route des Grandes Alpes, da ab jetzt ja das Höhentreffen stattfindet.

Ich habe 4970 km auf der Uhr in 20 Tagen, und meine Gesamtausgaben belaufen sich auf 1850,- €. Ich habe wenig Sprit verbraucht, immer die möglichst preiswerte Unterkunft gewählt und nicht zweimal am Tag im Restaurant gespeist, sondern oft aus dem Supermarkt gelebt. In Bozen habe ich 105,- € für Batterie und Kühlerdeckel verschwenderisch ausgegeben – das kam noch dazu.

Fazit und Abschluss

Mein Reisebericht wirkt vielleicht aufgebauscht – man könnte die RDGA auch in einer Woche „durchziehen“. Aber warum sollte man? Diese Strecke verdient Zeit, Aufmerksamkeit und Genuss. Wir haben nur ein Leben, und diese Route ist schlicht grandios.

Am Ende standen 4970 km in 20 Tagen, Gesamtausgaben von 1850 Euro, wenig Sprit, einfache Unterkünfte und viele intensive Eindrücke. Kleine Verluste inklusive – aber das gehört dazu.

Hier findest du mehr Inspiration für Motorradtouren und große Motorradreisen.

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